A Tribute to the Kunstkanal




Tribute to the Kunstkanal. 20 Jahre Kunstkanal
Begleittext zur Ausstellung «Kunstkanal im Progr KIP»


Die Berner Künstlervereinigung Kunstkanal präsentiert im PROGR (28. März bis 11. April 2008) aus Anlass ihres 20-jährigen Bestehens Arbeiten von ihren aktuellen und ehemaligen Mitgliedern. Die Liste der Teilnehmer liest sich wie ein «Who is Who» der zeitgenössischen Berner Kunstszene. (Sbiti Abdel Hay, Patricia Abt, Giro Annen, Babette Berger, Martin Beutler, Vin cent Chablais, Eveline Feldmann, Christine Freudiger, Marco Giacomoni, Hans Grob, Peter Iseli, Barni Kiener, Andrea Loux, Alberto Meyer, Ernesto Nicola Nicolai, Osamu Okuda, Regina Pereto, Adela Picon, Wenzel Pozarek, Roger Real, Kotscha Reist, Max Roth, Eva Schär, Laurent Schmid, Verena Schwab, Christian Stattmann, Dieter Seibt, Katrin Wirz, Elisabeth Zahnd, Veronique Zussau)

Der Independent-Philosophie des Kunstkanals entsprechend, wurde diese Aus stellung von den Künstlern selbst kuratiert und finanziert. Die Kunst schaffenden wollen dem Publikum ihre Kunst «unplugged», also unverfälscht, zeigen. Noch immer verstehen sie sich als unabhängige Zweckgemeinschaft, die sich ihrer Anliegen selbst annimmt. 

Die Anfänge des Kunstkanals 

In den 1980er Jahren, zur Zeit der Jugendunruhen, entstand der Kunstkanal aus der Notwendigkeit heraus, unabhängig vom Kunstestablishment aktuelle Kunst zu kreieren. In einem Bericht über den Kulturort KOCHERSPITAL, woraus der Kunstkanal hervorgehen wird, stellte die «Zeitung aus der Bewegung der Unzufriedenen», DRAHTZIEHER Ende November 1983 fest: «Es gibt in Bern keine „Rote Fabrik" wie in Zürich und keine „Alte Kaserne" wie in Basel und kein „Altes Gefängnis" wie in Luzern. In Bern gibt es überhaupt nichts und schon gar kein AJZ [Autonomes Jugend Zentrum]» (1)

Statt in kommerziellen Galerien oder in den White Cubes der ehrwürdigen musealen Hallen, wollten die Kunstschaffenden der neuen Generation ihre Kunst in leerstehenden Fabriken, Abbruchobjekten und auf der Strasse zei gen, um so das konventionelle und etablierte System der Kunstvermittlung und der Kunstproduktion zu unterlaufen. Die Interaktion zwischen dem Ausstellungsort und dem Kunstwerk war dabei von zentraler Bedeutung. Mit ihrer postmodernen Haltung stellte sich die junge Generation von Künstlern gegen die modernen Denkansätze ihrer Eltern. Sie betrachteten die monoper spektivische Optik der Moderne als gescheitert und stellten ihr stattdes- sen eine Vielfalt nebeneinander bestehender Perspektiven gegenüber. Die jungen Künstler entzogen sich bewusst den elitären, institutionalisierten Kunstdiskursen und führten stattdessen auf den Strassen und in den neu ge schaffenen autonomen Freiräumen ihre eigenen Diskurse über Jugend- und Al ternativkultur. Um vom „Establishment" unabhängig zu sein, versuchten die Kunstschaffenden der jungen Generation ihre Grundbedürfnisse nach Atelier- und Ausstellungsräumen selbst zu decken. Die Künstler besetzten leerste hende Häuser und mieteten sich in Abbruchobjekte zu erschwinglichen Kondi tionen temporär ein. Bei jedem Umzug in eine neue Liegenschaft kam es zu Änderungen in der jeweiligen Zusammensetzung der Atelierbewohner. Die Aus wahl der Mitbewohner trafen die Kunstschaffenden im Kollektiv.

Gründung des Kunstkanals und erstes Atelierhaus am Ulmenweg 9 in der Lorraine

Die Anfänge des Kunstkanals gehen auf künstlerische Aktionen zum Erweiterungsbau des Berner Kunstmuseums (1981) und den Kulturort Kocherspital Bern (1983 / 1988, Initiatoren: Raul Marek / Max Roth) zurück. (2) Nachdem sich der Abbruch des Kocherspitals Ende 1987 abzuzeichnen begann, suchte man nach einem Ersatz. Dazu gründeten die Künstler einen Verein, um gegen über der Stadt in einer besseren Verhandlungsposition zu sein, da zu jener Zeit die Stadt Bern und die Berner Fachhochschule noch keine Ateliers für junge Kulturschaffende unterhielten. Als Verein konnte man zudem leichter an Förderungsmittel gelangen und die Künstler hafteten nicht mehr mit ih rem persönlichen Eigentum. Die Erfahrungen mit dem Austauschprojekt „La lupa e 1'orso Künstleraustausch Rom - Bern" hatten dies gezeigt. (3)

Der Verein Kunstkanal wurde im März 1988 von den Künstlern Max Roth, Alberto Meier und Laurent Schmid gegründet: Der Hauptzweck des Vereins war der Betrieb eines Atelierhauses. (4) Die Kunstvermittlung und die Öffentlichkeitsarbeit waren aber ebenso zentrale Anliegen des Kunstkanals: "Der Ver ein promoviert, fördert und unterstützt die kreative, gemeinsame Produktion von Gruppen im Bereich der bildenden Kunst sowie in angrenzenden Bereichen. Der Verein fördert vorzugsweise Projekte in Form von Ausstellungen, Veranstaltungen und Aktionen, welche bereichs- und grenzübergreifenden Charakter aufweisen und dadurch, dass sie aus einer gemeinsamen Arbeit von Künstlern erwachsen, der künstlerischen Produktion eine neue, avantgardistische Qualität verleihen. Im Vordergrund steht die Ermöglichung der Zusammenarbeit und des kulturellen Austausches über die Region hinaus und die Herstellung optimaler Arbeits- und Ausstellungsbedingungen für Kunst schaffende. Die Vereinigung versteht sich in erster Linie als Anlaufstelle für Gruppen von jungen Künstlern, insbesondere solche, die noch wenig bekannt sind, sowie als Relaisstelle zwischen diesen und der Öffentlichkeit. Der Kunstkanal nimmt in der Regel Impulse, welche an ihn herangetragen werden, auf und kann im Rahmen seiner Möglichkeiten bedürfnisgerechte Unterstützung gewähren, indem er
  • Verbindungen knüpft oder vermittelt
  • administrativ zur Seite steht
  • Know-how zur Verfügung stellt
  • bei der Finanzbeschaffung mithilft
  • Öffentlichkeits- Medien- und politische Arbeit leistet
  • Er kann nach Bedarf auch Eigeninitiative entfalten." (5)
Noch im selben Jahr mietete der Verein Kunstkanal 1988 im Lorrainequartier einen alten Werkhof mit dazugehörendem Wohnhaus. Das mehrgeschossige Ge bäude mit gedeckten Werkplätzen befand sich am Ulmenweg 9, dort wo heute der Neubau der Gewerbeschule steht.
Zum damaligen Zeitpunkt waren die Mieten in der Lorraine noch moderat, so dass man sich neben den Ateliers auch noch eine Galerie, die „Kunstfalle", und ein Gästezimmer leisten konnte. Die „Kunstfalle" wurde von den Künst lern selbst, als Produzentengalerie, betrieben. Die Künstler, die ihre Werke ausstellten (ALMA, Ladina Gaudenz, Alexander Fischer, Susanna Talay- ero, u.a.), konnten im Gästezimmer übernachten und einen Werkplatz für sich beanspruchen.
1989 wurden die Künstler des Kunstkanals vom Kunstmuseum Bern eingeladen ihre Arbeiten in einer Gruppenausstellung zu präsentierten. Doch statt ih rer eigenen Kunstwerke, zeigte der Kunstkanal Arbeiten von Hannes Brunner im weissen Saal („Pausenstücke"). Brunner habe in seiner Arbeit die Hal tung des Kunstkanals vertreten, weshalb die Wahl auf den Zürcher Künstler fiel. Die Guerilla-Aktion führte zu einem kleinen Skandal, da Sandor Kuthy, der damalige Kurator des Kunstmuseum Bern, über die Aktion bis kurz vor der Eröffnung nicht informiert war. In den folgenden Jahren trat der Kunstkanal mit künstlerischen Aktionen, die ausserhalb der eigenen Galerie stattfanden, immer wieder an die Öffentlichkeit: 1990 Kanalbar am Theaterplatz - 3 Wochenende mit viel Kunst; 1991 Another Tractor Ausstellung im Stufenbau und Kunstkanal; 1992 Kunstkanal präsentiert: Intervall Ausstellung in der Treppenhausgalerie LOEB.

Das „Huberareal" als zweiten Standort und das Projekt „Kiosk durch Kunstkanal"

Nach einigen Jahren mussten die Künstler das Provisorium am Ulmenweg wie der verlassen, da das Gebäude einer Überbauung weichen musste. Unweit des alten Standortes fand der Kunstkanal im „Huberareal" eine neue Bleibe. Das Gebäude an der Kreuzung Lorrainestrasse 17 und Jurastrasse 4 war eine alte Schlosserei, die zu einem gewerbeüblichen Zins gemietet wurde. Allerdings musste das Fabrikgebäude für die Ateliers zuerst umgebaut werden. Dazu er hielt der Kunstkanal von der Stadt und vom Kanton Bern einen bescheidenen Infrastrukturbeitrag. 1993 wurde das neue Atelierhaus „Huberareal" mit ei nem Eröffnungsfest bezogen. Wegen Bauverzögerungen blieb das alte Gebäude am Ulmenweg 9 noch bis 1994 bestehen. Durch den Standortwechsel änderte sich die Zusammensetzung des Vereins Kunstkanal. Die Ära Ulmenweg wurde 1994 mit einer Abbruchausstellung endgültig abgeschlossen. Da inzwischen die Mieten in der Lorraine gestiegen waren und der Beitrag der Stadt und des Kantons äusserst gering ausfiel, konnte sich der Kunstkanal eine Gale rie im neuen Atelierhaus nicht mehr leisten. Stattdessen fand man in einem alten KIOSK an der Lorrainestrasse 27 einen Ersatz. 1996 wurde der neue Ausstellungsort, der KIOSK eröffnet. Nachdem die Galerie „Kiosk durch Kunstkanal" während einiger Zeit von einer Kerngruppe kuratiert wurde, übernahm in der Folge Katrien Reist das Kuratorium des Ausstellungsraums. Zu einem späteren Zeitpunkt bis zum Ende des Ausstellungsprojekts koope rierte der Kiosk mit der Stadtgalerie Bern (Beate Engel) . Mit seinen Aus stellungen (Istvan Balogh, Corinne Bonsma, Chiarenza-Hauser, Caroline Elsässer, Pascale Grau, Jerelyn Hanrahan USA, JOKO, Lang/Baumann, Heinrich Lüber, Andreas Lutz, Gilles Porret u.a.) gelangte der „Kiosk durch Kunst kanal" zu nationaler Bedeutung. Mit der Zeit siedelten sich am Lorraine Strip weitere Galerien (Galerie Friedrich u. Galerie Suti) an, so dass die Lorrainestrasse zu einer Art Kulturmeile von Bern wurde. Parallel zu den KIOSK Ausstellungen beteiligte sich der Kunstkanal als Gruppe an verschei denden Kulturevents wie 2000 am Auftakt-Festival in der Dampfzentrale (Videoinstallation „Kunstkanal") oder in der Berner Reithalle.

Der Kunstkanal war auch Kulturpolitisch aktiv. 1998 war er massgeblich an der Statutenrevision der Berner Kunsthalle beteiligt. Besonders setzte er sich für die Anliegen der lokalen Künstler ein indem er verhinderte, dass die „Berner Ausstellung" als historisches Recht der Berner Künstler aus den Statuten gestrichen wurde.6*3

Der Kunstkanal heute

Nach achtjährigem Provisorium musste der Kunstkanal das „Huberareal" er neut verlassen. 2001 erfolgte der Umzug in die Ersatzliegenschaft an der Wylerringstrasse 7. Das ehemalige Fabrikgebäude, welches noch heute vom Kunstkanal als Atelierhaus betreiben wird, befindet sich etwas mehr als einen Kilometer vom alten Standort entfernt. Der Umzug hatte wiederum zur Folge, dass sich die Zusammensetzung des Kunstkanals mit dem Standortwech sel änderte. Einige Künstler suchten sich mit der Unterstützung des Kunst kanals eigene Ateliers und Wohngelegenheiten (Uettligen / BE), während an dere Künstler neu hinzu kamen.

2002 wurden die neuen Ateliers am Galeriewochenende der breiten Öffent lichkeit vorgeführt. Das beschränkte Raumangebot am neuen Standort und die wiederum hohe Mietzinsbelastung verunmöglichte dem Kunstkanal am neuen Standort den Unterhalt eines Gästezimmers und einer Galerie. Um seinem An spruch auf Kulturvermittlung gerecht zu werden, beteiligten sich der Kunstkanal in der Folge an externen Kunstanlässen wie 2003 an den Berner Ateliertagen Door-2-Door7 oder veranstalte einige Ausstellungen und Feste, so z.B. 2003 aus Anlass des 15-jäherigen Bestehen des Kunstkanals und wie jetzt zum 20-Jahre-Jubiläum des Vereins Kunstkanal im Stufenbau (Galerie periepherie-arts) und im PROGR.8

Wenngleich inzwischen viele kulturelle Forderungen des Kunstkanals (Ateliers und Ausstellungsmöglichkeiten) in der Stadt Bern erfüllt sind (PROGR, etc.), ist die Gruppe, in unterschiedlicher Besetzung, ihrer Strategie der Selbstverwaltung treu geblieben. Gerade heute, in Zeiten der allgemeinen Institutionalisierung und der Individualisierung von Kunstdiskursen, wirken die kollektiven und antiinstitutionellen kreativen Äusserungen des Kunstkanals sehr zeitgemäss und innovativ.9


Walther J. Fuchs, Präsident der Berner Künstlervereinigung Kunstkanal (1995 bis 2000)

Fussnoten

(1) Vgl. Anonymus 1983
(2) Vgl. Mündlicher Hinweis von Max Roth, 25. März 2008
(3) Vgl. Mündlicher Hinweis von Max Roth, 25. März 2008, Zum Projekt La lupa e l'orso Vgl. Soldaini 1987
(4) Vgl. Kunstkanal, Bern, Statuten 1988, Art. 4
(5) Vgl. Kunstkanal, Bern, Statuten 1988, Art. 2, S. 1

Literatur

Anonymus 1983
Anonymus, Ein Kulturzentrum für Bern? [Kocherspital], in Drahtzieher Zeitung aus der Bewegung der Unzufriedenen, Titel u. S. 1. Bern (Post fach 1348, 3001): Pressegruppe der Berner Bewegung der Unzufriedenen Redaktion Drahtzieher, 1983.

Fuchs 1998
Walther Fuchs, "Neue Fenster brauchen wir", in: Schwarz auf Weiss. Informationsbulletin der GSMBA Sektion Bern,1998, Bd. 59, H. April, S. 26 - 27.

Fuchs 2008
Walther Johann Fuchs, "A Tribute to the Kunstkanal", in: BERNER KUNSTMIT

TEILUNGEN, 2008, Bd. 358, H. April / Mai / Juni, S. 21. Kunstkanal, Bern, Statuten 1988
Kunstkanal, Bern, Statuten. Bern, 1988.
Soldaini 1987

Armando Soldaini, La lupa e 1'orso Künstleraustausch Rom - Bern, pittura, scultura, installazioni, Roma: Associazione Culturale Magazzini Ge nerali, 1987.



 


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