»Joseph Beuys in Bern nicht genehm« Zur Demission Harald Szeemanns als Leiter der Kunsthalle Bern

Harry Schunk, Joseph Beuys 1969 in der Kunsthalle Bern


Fuchs 1998
Walther Fuchs, "Joseph Beuys in Bern nicht genehm". [Zur Demission Harald Szeemanns als Leiter der Kunsthalle Bern], in: Der Bund, 19. Juni 1998, Bd. 149, H. 140, S. 2.

PDF Download

Keyword: joseph beuys werke, kunsthalle bern, documenta, venezia bern, prada

Joseph Beuys in Bern nicht genehm

Harald Szeemann über nahm 1961 die Leitung der Kunsthalle Bern. Gegen Ende seiner Amtszeit, am 20. Juni 1969, musste er Joseph Beuys in einem Brief mitteilen, dass er dessen Werk nicht wie vorgesehen anlässlich der Ausstellung «Sammlung Ströher Il» zeigen könne. Der Vorstand des Berner Kunsthalle-Vereins hatte sich dagegen ausgesprochen. «Wir machen lieber zu, als nochmals Beuys auszustellen», hiess es dazu in einer Pressemeldung des «Bund». Szeemann hatte Beuys an der legendären Gruppenausstellung «When Attitudes Become Form» im Frühjahr 1969 in Bern erstmals vorgestellt. Am Schluss seines Briefes an Beuys hielt er ausdrücklich fest:«Ich finde es schade, denn ich hätte wirklich gerne mit Ihrer Ausstellung hier aufgehört. Das Ganze zeigt mir aber auch, dass es Zeit war, zu gehen. »

Harald Szeemann liess sich von Mai 1969 bis zum Ende des Jahres von der Kunsthalle beurlauben, weil er während seiner achtjährigen Tätigkeit keine Ferien beansprucht und darüber hin aus zahllose Überstunden geleistet hatte. Die Stellvertretung übernahm sein Assistent Felix Zdenek. Szeemann wollte die Beurlaubung nutzen, um sich zu er holen und gleichzeitig die Drucklegung seiner Dissertation zu besorgen. Tatsächlich jedoch arbeitete er unentwegt an seinen Ausstellungsprojekten weiter und war als Protokollschreiber an je der Sitzung des Vorstands und der Ausstellungskommission des Vereins Kunsthalle Bern anwesend.

Unter Künstler-Kontrolle!

In einem Interview für «Die Zeit» und einem Beitrag für die Schweizer Kunstzeitschrift «Kunstbulletin» ging Harald Szeemann auf die Gründe ein, die ihn dazu veranlasst hatten, die Kunsthalle Bern vorzeitig zu verlassen. Er legte rückblickend grossen Wert drauf, in Bern ein «Klima», einen sogenannten «Mentalitätsraum» rund um die Kunsthalle und die Stadtgalerie, deren Leitung er ebenfalls wahr genommen hatte, aufzubauen: «Ein Mentalitätsraum ist ein Zustand, der gleichermassen von Interessen der am Mentalitätsraumspiel Beteiligten wie von der Innovationsfähigkeit der Institution, die ein Klima herbei führen will, bestimmt ist.»

Leider habe, so Szeemann, in Bern ein Teil der Künstler versucht, das «klimaschaffende Instrument», die Kunsthalle, unter ihre Kontrolle zu bringen. Dies habe so weit geführt, dass darüber abgestimmt wurde, ob Beuys in der Kunsthalle gezeigt werden dürfe.

Mehrheitsprinzip

Solch eine Abstimmung war prinzipiell möglich. Berner Künstler verfügten einerseits übr alte Partizipationsrechte in der Programmgestaltung der Kunsthalle und im Vorstand des Vereins Kunsthalle Bern, die auf die Gründung der Kunsthalle zu Beginn des Jahrhunderts durch die Berner Künstlerschaft zurückgehen. Andererseits wurde die Kunsthalle zu 87 Prozent (1969) durch öffentliche Gelder finanziert. Der Kreis der Berner Künstler, der starken Einfluss ausüben wollte auf die Programmgestaltung der Kunsthalle, lässt sich auf Künstler der Sektion Bern der Gesellschaft Schweizerischer Maler, Bildhauer und Architekten (Gsmba) und Mitglieder des Vorstands der Kunsthalle eingrenzen.

Wie Dokumenten der Gsmba, des Kunsthalle-Vereins sowie Presseberichten von 1968/1969 zu entnehmen ist, haben sich die Kompetenzstreitigkeiten, die letztlich ab Ausdruckeines Generationenkonflikts zu verstehen sind, über Jahre hinweggezogen. 1969, nach Bekanntwerden von Szeemanns Urlaub, insbesondere aber in Reaktion auf die Ausstellung «When Attitudes Become Form» erreichten die Querelen ihren Höhepunkt: Die Gsmba distanzierte sich in einer öffentlichen Stellungnahme von der Ausstellung «When Attitudes Become Form», und sie beabsichtigte den Rücktritt sowohl von Szeemann ab auch des Präsidenten des Kunsthalle-Vereins, Professor Kuske, öffentlich zu fordern

Parteiliche Presse

Unterstützung erhielt der Gsmba-Vorstand durch den «Bund »-Kunstkritiker Alfred Scheidegger (A. Sch). Er polemi sierte gegen die Aktivitäten des Kunsthalle-Leiters («Attitüden -Plattitüden», «Klebt ein Kunst werk an meiner Schuhsohle?») und trug wesentlichen mit dazu bei, das Thema «Kunsthalle» zu einem Politikum werden zu lassen. Überraschenderweise waren in diesen Auseinandersetzungen auch die Obstruktionen des Kunsthalle-Abwarts Burri gegenüber Harald Szeemann nicht ganz unbedeutend. Über mehrere Monate schwelte ein Konflikt zwischen dem Abwart und dem Leiter der Kunsthalle, der schliesslich zur Entlassung des Hausmeisters führte, was natürlich für A. Sch eine Kolumne im «Bund» wert war. Die Gsmba er griff ebenfalls Partei für den Abwart während des Konflikts und ernannte ihn nach dem Hinauswurf zu ihrem Ehrenpassivmitglied.

Jugendkrawalle

Eine wichtige Ursache für die Politisierung der Kunsthalle stellten die Jugendkrawalle von 1969 dar, die unmittelbar in Verbindung gebracht wurden mit den Aktivitäten in der Kunsthalle. Einen weiteren Einfluss auf Entscheidungen des Kunsthalle-Vorstandes übte ein hängiges Postulat der Freisinnigen Partei im Stadtrat aus. Unter dem Druck einer schockierten Öffentlichkeit und der Gsmba sowie in Kenntnis des angekündigten Rücktritts von Szeemann brach die Ausstellungskommission an ihrer Sitzung vom 17. Juli 1969 ein Tabu, indem sie die künstlerischen Freiheiten des Kunsthalle-Leiters beschnitten und sich gegen die Beuys Ausstellung aussprach. In der Kommission waren neben Professor Kuske (Präsident) und Bernhard Hahnloser (Kassier) in der Mehrzahl Gsmba-Künstler vertreten, die dem Vorstand angehörten und gegen Szeemann stimmten. Auf der anderen Seite fand Szeemanns Ausstellungspolitik vor allem bei einer jüngeren Künstlergeneration, den sogenannten «Jungen Elementen (Gsmba)» oder « Modernisten», die zum Teil auch in der Gsmba vertreten waren und heute allgemein als «68er» bezeichnet werden, grossen Anklang: Bernhard Luginbühl, Mitglieder der Gruppen «bern 65» und «bern 66», die Künstler um die «Galerie aktuell», die Galerie des Kleintheaters Kramgasse 6, die Galerie Toni Gerber und Galerie Krebs

Ende des Mentalitätsraums

Der Konflikt um Szeemann führte zu zahlreichen Protestaktionen. Eine Vielzahl jüngerer Mitglieder traten aus der Gsmba aus, verteilten «Propagandazettel» oder schrieben Leserbriefe, in denen sie sich unmissverständlich von der offiziellen Gsmba distanzierten. Szeemann seinerseits warf den Gsmba-Künstlen Inkonsequenz vor, sie würden lediglich ihre Partikularinteressen verfolgen und wären ausschliesslich darauf bedacht, dass ihre «lokalen Tabus» unangetastet blieben. Harald Szeemann sieht sich nicht ab Opfer der lokalen Auseinandersetzung mit der Berner Künstlerschaft. Er hat die Konfrontation vielmehr bewusst provoziert, um die Auflösung des «Mentalitätsraumes» herbeizuführen: «Der Vermittler kann um sich einen Mentalitätsraum schaffen, aber er kann ihn wegen seiner zunehmenden Exklusivität und wegen der in jeder Gruppe auftretenden Eigenselektion nicht bewahren.» Der Vermittler gerät in ein Dilemma. Einerseits sollte er aufgrund des Charakters der Institution »

«möglichst für viele die Dinge möglich machen», auf der anderen Seite möchte er sich für die einzelnen, «an die man glaubt», einsetzen. Und so wie er einen Mentalitätsraumkreieren könne, so könne er auch dessen Ende herbeiführen, indem er die scheinbar oberste «Klimaregel», alle gleich zu behandeln, nicht mehr befolgt und durch Parteinahme die «natürliche Selektion» noch beschleunigt.

Junge Berner

Dies tat Szeemann seit 1965. Er ergriff Partei für die jungen Berner Künstlerschaft, liess sie an seinen Gruppenausstellungen in der Kunsthalle teilnehmen und vermittelte Kontakte ins Ausland: «Licht und Bewegung (1965)» mit Bendicht Fivian, Walter Linck, Christian Megert, Markus Raetz und Willi Weber, «W. Link, R. Iselin (1965), «Weiss auf Weiss» (1966) mit Ueli Berger, Franz Fedier, Markus Raetz, «Environment» (1968) mit Jean Frédéric Schnyder, «When Attidudes Become Form» (1969) mit Markus Raetz und Jean Frédéric Schnyder, «22 Junge Schweizer» (1969) mit Herbert Diestel, Rolf Iseli, Bernhard Lüthi, Christian Megert, Peter Stämpfli, Walter Vögeli, Rolf Weber, Willy Weber, Roland Werrro.

Harald Szeemann schliesslich trieb den Prozess der «natürlichen Selektion» in Bern auf die Spitze: In der internationalen Ausstellung «When Attidudes Become Form» waren gemäss seinem Credos «Die Trauben für die hiesigen Künstler stets etwas höher halten, aber sie trotzdem mitnehmen» von der Berner Künstlern allein Markus Raetz und Jean Frédéric Schnyder vertreten.

Leitende Persönlichkeiten?

Im Sommer 1968, noch vor dem Bekanntwerden von Szeemanns Urlaub und der späteren Rücktrittsabsichten, führte Dorothe Freiburghaus vom «Bund» eine Umfrage unter verschiedenen Persönlichkeiten aus Verwaltung (Raymond Tschäppät, Stadtpräsident; Gerhard Schürch, Finanzdirektor; Hans-Martin Sutermeister, Schuldirektor), Kulturinstitution (Hugo Wagner, Berner Kunstmuseum; Harald Seemann, Kunsthalle Bern, Galerien (Kornfeld; Stucker; Gerber; Haudenschild; Verena Müller) und Künstlern (Victor Surbeck; Ruht Stauffer; Bendicht Fivian; Bernhard Luginbühl; Roland Verro; Eric Müller; Peter Stein) durch.

Die Umfrage zum Thema «Bildende Kunst in Bern» wurde nicht sofort, sondern erst ein Jahr später, unmittelbar nach der Ausstellung «When Attidudes Become Form» in einer mehrteiligen Serie zwischen Mai und Juni 1960 abgedruckt. Dadurch erhielt die Befragung eine aktuelle Brisanz. Unter Punkt vier hiess es in der Umfrage: «Sollen öffentliche Kunstinstitut von Kommissionen oder Persönlichkeiten geleitet werden?» Die Mehrzahl der Befragten entschied sich für eine qualifizierte Persönlichkeit, der eine Kommission zur Seite gestellt werden soll, die sie zwar kontrolliert, aber in künstlerischen Fragen allein entscheiden lässt.

Sphären der Freiheit

Im aktuellen Kontext musste jedoch ein solches «Plebiszit» unglaubwürdige erscheinen. Dr. Raymond Tschäppät, der damalige Berner Stadtpräsident, nahm die von der Redaktion eingeräumte Möglichkeit, die Antwort zu aktualisieren wahr und schrieb: «4. Die Alternative, ob öffentliche Kunstinstitute von Kommission oder Persönlichkeiten gekleidet werden sollen, ist zu absolut. Bei bedeutenden Fragen soll ein Ausschuss entscheiden; im übrigen muss aber der Leiter eines Kunstinstituts eine gewisses Sphäre der Freiheit und der Gestaltung der ihm übertragenen Aufgaben gewährt werden. »

---

Anhang

«When Attitudes Become Form» Retro-Ausstellung in Venedig: "Wie ein Hieb ins Genick"

Eine Provokation machte Harald Szeemann 1969 berühmt: In einer Ausstellung zeigte der Kurator, wie sich der Kunstbegriff radikal verändert hat. Nun wird die Schau in einem venezianischen Palazzo nachgestellt - und feiert eine wilde Formensprache.

Beliebte Posts aus diesem Blog

"Seeds of Peace" by Rommel Roberts and published by Digiboo

Buchveröffentlichung Zürichsee Guide